Sport total 1: Parkour
„Zehn Liegestütze für alle“, ruft der Trainer durch die Halle 2 von 1860 Bremen. Jugendliche, die zuvor über einen drei Meter hohen Kasten sprangen, sich an Stangen empor hangelten und über ein Brett balancierten, folgen dieser Aufforderung. Wir sind in einem Parkourworkshop, in dem man lernt, effizient von A nach B zu kommen.
Die Liegestütze sind die kollektive Bestrafung für einen falschen Sprung. Einen Sprung, den der Sportler hier in der Halle auf einer Matte ohne Kratzer übersteht, bei dem er sich aber am eigentlichen Trainingsort für Parkour – der freien Großstadt – schwer verletzen würde.
Die Geschichte
Parkour geht auf die so genannte methode naturellè zurück, die der französische General Georges Hebert um 1900 im Dschungel unter Naturvölkern entwickelte. Seine Soldaten sollten lernen, möglichst schnell aus Gefahrensituationen zu flüchten und dies nur mit ihren eigenen körperlichen Fähigkeiten.Gleiches gilt heute für den Parkour-Sportler, den so genannten Traceur. Zwar schlägt sich dieser in der Regel nur durch den Großstadtdschungel, aber auch er überwindet Hindernisse ohne technische Hilfsmittel. David Belle gilt als Begründer des modernen Parkour. Sein Vater erlernte diese Methode und wandte sie im Vietnamkrieg an. Auf seinem Bauernhof in Frankreich trainierte er seine Söhne in Wald und Feld. Nach dem Umzug in die Stadt nutzte David Belle die Stadt mit ihren Mauern und Anlagen als Trainingsort. Es dauerte nicht lange, bis andere Jugendliche sich für diese Fortbewegungsart begeisterten. Von da an verbreitete sich Parkour auf der ganzen Welt.
Der Workshop
In dem Kurs, den wir heute begleiten, treffen sich zwölf junge Leute im Alter von dreizehn bis dreiundzwanzig Jahren zum Parkour-Workshop in der Halle. Stefan, neunzehn Jahre alt und seit zirka zwei Jahren dabei, trainiert sie. Die zehn Jungen und zwei Mädchen versprechen sich vom Parkour „Rüberkommen, Fortbewegen, Spaß“. Sie haben über you tube und Traceus an der Schlachte von Parkour erfahren. Stefan klärt sie zunächst darüber auf, dass sie hier keine Akrobatik erlernen werden, keine Flipps und Salti. Beim Parkour geht es um Training für den Notfall und darum, die eigenen Grenzen kennenzulernen.
Parkour Philosophie
Stephan Nägler übt diesen Sport seit vier Jahren aus. Er bietet Parkour deutschlandweit in Workshops und Kursen an. Er sieht darin die Chance „Jugendliche aus der Wettkampfgesellschaft herauszuholen“. Denn bei Parkour trainiert jeder nach seinen Möglichkeiten. Es gibt beim Parkour keine Altersbeschränkung, die älteste Teilnehmerin in Stephans Workshops war 64, Kinder kommen ab neun Jahren. Stephan vergleicht das Training mit dem Fahrradfahren lernen. Anfangs reicht er beim Balancieren die Hand, dann geht er neben her, schließlich macht der Übende alles alleine, ohne das er es merkt. „Das ist sehr wichtig für das Vertrauen in sich selbst“, erzählt Stephan. „Persönliches Wachstum, Respekt vor der Umwelt und vor den Mitmenschen, Respekt vor dem eigenen Körper“, so umreißt er uns auch die Parkour-Philososphie. „Man kann alles, wenn man es nur trainiert.“ Die Jugendlichen sollen sich darüber klar werden, dass sie ihren Trainingsort verlieren, wenn sie in der Stadt rücksichtslos über Mauern springen. Sie dürfen nichts beschädigen und müssen sich schon auf die Beschwerden ihrer Mitmenschen einlassen, die die ungewöhnliche Sportart nicht kennen. „Sollte ich einmal jemanden auf einem Dach erwischen, fliegt er hier raus“, sagt Stephan streng. Auf einem Dach hat ein Traceur nichts zu suchen. „Der kürzeste Weg ist außen herum.“ Der Weg über das Dach sei zu umständlich. Er schätzt an Parkour, dass er „einen Blick dafür bekommen hat, wo was ist und die Stadtlandschaft jetzt anders wahr nimmt“.
Das Training
Die Anfänger beginnen nach 45 Minuten Aufwärmtraining mit ihren ersten Sprüngen. Nichts Spektakuläres – sie springen aus dem Stand so weit sie können und balancieren anschließend rückwärts Schritt für Schritt in ihre Ausgangsposition. Bis sie wie Stephan daran arbeiten, eine vier Meter hohe Mauer zu überwinden, wird noch eine Weile vergehen. Auch auf die Tic-Tac-Technik müssen sie noch warten: Hierbei stößt sich der Trakeur von einer Wand ab, um die nötige Höhe zu erlangen und ein Hindernis überwinden zu können. Den dem Hocksprung aus dem Turnen ähnlichen Katzensprung werden sie bald üben. Vielleicht wird man sie bald bei Wind und Wetter an der Schlachte mit anderen Traceurs über das Gelände jagen sehen. Bis dahin kann man im James Bond Film Casino Royal Sebastian Foucan, einen Freund Davids Belles, in einer wilden Verfolgungsjagd bewundern.
Parkour Hallen Training
Kinderparkour 9-13 Jahre: Samstag 12- 13.30 Halle 3 1860 Bremen
Anfängerworkshops ab 14 Jahre
Fortgeschrittene ab 14 Jahre: Samstag 12- 16 Uhr Halle 1
Bild: Parkour Team
Text: Maren Ewert / medienlab.com






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